|
Persönliches Konfliktmanagement im Coaching
Andere kann man nicht ändern ... und warum wir es trotzdem versuchen.
Das Kernelement im Coaching – die Selbstreflexion mit einem Gegenüber – entstammt einer alten, einfachen Weisheit: Wir können andere Menschen nicht ändern. Den einzigen, den wir ändern können, das sind wir selbst. Wir wissen das alle grundsätzlich. Doch manchmal vergessen wir es, wenn andere gegenläufige Meinungen und Positionen beziehen, mit denen wir partout nicht leben können.
Konflikte bringen uns in Kontakt mit unangenehmen Gefühlen und bedeuten Erfahrungen, die wir eigentlich lieber nicht machen würden. Wir schlucken vielleicht unseren Ärger herunter, platzen vor Wut, wir machen einen großen Bogen um den anderen, sind verletzt und enttäuscht. Unsere Reaktionen geraten so leicht aus dem Ruder und wir verlassen den Aktionsradius, in dem wir uns wohl fühlen. Der Kopf ist dann schnell mit der Analyse von Ursache und Wirkung bzw. Richtig und Falsch beschäftigt. Wird legen uns eine Position zu und versuchen, wieder die Oberhand zu bekommen. Mutige Schritte zur Klärung verhindern nicht unbedingt die Wiederholung des Ganzen oder verschärfen vielleicht sogar noch den Konflikt.
Konflikte als Chance für die persönliche Weiterentwicklung
Keine Frage: Wir haben alle Strategien entwickelt, um Konflikte zu verhindern und schlimmstenfalls mit einem Konflikt fertig zu werden. Doch wie unterscheidet man, ob der gewählte Weg zu fruchtbaren oder unfruchtbaren Konflikten führt? Und wie nutzt man äußere Konflikte für eigene Denkanstösse und die Chance zur persönlichen Weiterentwicklung?
Kennzeichen unfruchtbarer Konflikte
Für einen unfruchtbaren Konflikt gibt es ein deutliches Erkennungsmerkmal. Wir errichten dann eine Kausalität: Wir entwickeln eine Vorstellung davon, wie der ANDERE sein soll und wie ER sich verhalten soll, damit WIR uns wieder wohl fühlen können. Beispiele sind Erwartungen, die auf folgenden Sätzen beruhen: "Ich möchte, dass DU...", "Solange DU nicht..., muss ich...", "Erst wenn DU..., kann ich...".
Diese Verknüpfung des eigenen Wohlbefindens mit einem bestimmten Verhalten auf der anderen Seite, das ist ein so gängiges Modell, dass wir die Sinnhaftigkeit dieses Vorgehens normalerweise gar nicht weiter hinterfragen. Und natürlich gibt es dafür auch einen guten Grund: Erreichen wir unser Ziel und verhält sich die andere Seite so, dass wir kein Problem mehr mit ihr haben, dann können wir eigene unangenehme Gefühle von Macht- und Wertlosigkeit, Überforderung, Schuld und Unsicherheit vermeiden.
Ein erstrebenswertes Ziel? Nun ja: wir müssen jedes Mal eine Menge Energie einsetzen, um den anderen zu beeinflussen. Und je mehr Energie wir hierfür einsetzen, umso unwahrscheinlicher ist es, dass der andere sich gerne und ohne Gegendruck verändert. Und darüber hinaus zahlen wir selbst einen hohen Preis: unser Wohlbefinden hängt dann vom Verhalten eines anderen ab. Ein freies, autonomes Leben, das sieht anders aus.
Äusserer Konflikt = innerer Konflikt
"Jeder äussere Konflikt ist in Wirklichkeit ein innerer Konflikt". Als ich diesen Satz zum ersten Mal im Rahmen meiner Coaching-Ausbildung hörte, schien die Zeit für einen Moment still zu stehen. Da hatte ich schon viele Jahre als Unternehmensanwältin gearbeitet und eine Mediationsausbildung absolviert. Konflikte im Unternehmen, zwischen Unternehmen, das alles gehörte zu meinem beruflichen Alltag. Dieser Satz bedeutete dennoch Neuland für mich – vor meinem geistigen Auge tauchten plötzlich auch eigene Konflikte auf, die ich im Laufe meines Lebens nicht zu meiner Zufriedenheit lösen konnte. Und dann ließ mich eine Feststellung nicht mehr los: Wenn es zu jedem äusseren Konflikt einen inneren Konflikt gibt, dann kann man Konflikte autonom und eigenverantwortlich, also auch ohne die andere Seite, lösen.
Was heisst das in der Praxis? Eine beispielhafte Fragestellung vor einem Konflikt-Coaching würde dann lauten: Fordere ich lieber etwas von mein Gegenüber z.B. von einem Mitarbeiter mehr Eigenverantwortlichkeit und Entscheidungsfreude? Oder setze ich mich mit meiner eigenen Hemmung auseinander, klare Vorgaben zu machen und eindeutige Entscheidungen zu treffen?
Konflikt-Coaching – was bringt das?
Nun werden sicherlich einige unter Ihnen fragen: "Und was habe ich davon?"
Zum einen mehr persönliche Handlungsfreiheit. Denn durch ein Konflikt-Coaching verlieren unangenehme Gefühle wie Wut oder Verletzlichkeit ihre Macht über uns. Diese Gefühle haben uns dann nicht mehr, sondern wir haben diese Gefühle. Es agiert dann nicht mehr in einem, sondern man agiert. Derartig handhabbare Gefühle werden zu Wegweisern und verlieren ihre Funktion als emotionale Hinderungsgründe oder persönliche Leitplanken. Konflikte sind dann nicht mehr unerfreulich oder bedrohlich, sondern interessant für die Selbstreflexion und so genutzt eine Bereichung für das eigene Leben.
Zum anderen wird durch die neu hinzugewonnene Handlungsfreiheit auch eine andere gesetzmäßige Gleichung in Kraft gesetzt: Jede Veränderung im Inneren bewirkt gleichzeitig eine Veränderung im Außen. Persönliches Konfliktmanagement ist dann nicht nur eine Entscheidung für mehr Handlungsfreiheit im Umgang mit sich selbst, sondern in der Folge auch für mehr Gestaltungsfreiheit im Umgang mit anderen Menschen.
|